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Interview
Donald Watson - Gründer der Vegan Society UK

Donald Watson, Schöpfer des Wortes "vegan", welches sich aus den Anfangs- und Endbuchstaben des Wortes "vegetarian" zusammensetzt, gründete im November 1944 die Vegan Society.
Das Interview mit Donald Watson, dem Gründer und Schirmherrn der Vegan Society, führte George D. Rodger am 15. Dezember 2002. Erstmals wurde das Interview in der Sommerausgabe der Zeitschrift "The Vegan" im Jahre 2003 veröffentlicht.
Frage:
Wo und wann wurden Sie geboren?
Antwort:
Ich kam am 02. September 1910 in Mexborough, South Yorkshire, inmitten einer fleischessenden Familie zur Welt.
Frage:
Erzählen Sie mir mehr über Ihre Kindheit.
Antwort:
Eine meiner frühestens Erinnerungen reicht an ein Ferienerlebnis auf dem Bauernhof meines Onkels George zurück. Hier sah ich mich von lauter interessanten Tieren umringt. Sie alle hatten etwas zu "geben": Eines der kräftigeren Pferde zog den Pflug, ein anderes die Kutsche, die Kühe "gaben" Milch, die Hennen "gaben" Eier und der Hahn war ein nützlicher "Wecker" - zu diesem Zeitpunkt war es mir nicht bewusst, dass ihm auch eine andere Aufgabe innewohnte. Die Schafe "gaben" Wolle. Ich habe nie verstanden was die Schweine "gaben", aber sie schienen mir solch nette Lebewesen zu sein. Lebewesen, die sich freuten wann immer sie mich sahen. Dann kam der Tag an dem eines der Schweine getötet wurde: Ich kann mich noch sehr lebhaft hieran, vor allem auch an die Schreie, erinnern. Dass mein Onkel George, auf den ich große Stücke hielt, mit von der Partie war hatte mich wirklich geschockt. Ich entschied mich, Bauernhöfe und auch Onkels aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Die vermeintliche Idylle war nicht mehr als eine Todeszelle, die Lebenstage eines jeden Lebewesen bemaßen sich danach, ob es dem Menschen noch von Nutzen ist oder nicht. Bis zu meinem 21. Lebensjahr lebte ich zu Hause und nicht ein einziges Mal habe ich von meinen Eltern, Großeltern, meinen 22 Onkeln und Tanten, meinen 16 Cousinen, meinen Lehrern oder meinem Pastor irgendetwas in die Richtung gehört, dass wir "Gottes Kreatur" gegenüber eine Aufgabe zu erfüllen hätten. Nach Abschluß der Schule habe ich bei einem anderen Onkel eine Lehre als Holzarbeiter begonnen. Als ich im Alter von 21 Jahren fertig ausgebildeter Handwerker war befanden wir uns gerade in der Wirtschaftskrise der früher 30er Jahre. Zu der Zeit erfuhr ich, dass sich auch Handwerker mit Unterstützung der Stadt und Innung als Lehrer im Bereich Holzarbeit qualifizieren konnten. Diesen Weg habe ich erfolgreich eingeschlagen, auch wenn er mit einigen Schwierigkeiten behaftet war. Diese Arbeit erfüllte mich so mit Freude, so dass ich mich niemals um eine Beförderung gekümmert habe.
Frage:
Sie sind jetzt genau 92 Jahre und 104 Tage alt. Worauf führen Sie Ihr langes Leben zurück?
Antwort:
Ich habe eine Waliserin geheiratet und sie lehrte mich folgendes walisisches Sprichwort: "Wenn alle am Rennen sind, dann bleibe stehen", daran habe ich mich seither gehalten. Die Beherzigung dieser Regel scheint mir mit ein Grund zu sein, denn tatsächlich ist es so, dass viele Menschen durch das Leben hetzen und im Prinzip Selbstmord auf Raten begehen; sie nehmen Angewohnheiten an, von denen jeder inzwischen weiß, dass sie gefährlich sind. Den Versuch sich selbst, entgegen der natürlichen Bestimmung, in einen Fleischfresser zu verwandeln, habe ich immer als einen der größten Fehler des Menschen angesehen. Ich vermute, dass ich innerhalb der nächsten zehn Jahre sterben werde. Was wird dann sein? Es wird ein Begräbnis mit einer Handvoll Leute geben und so wie Shaw es vorhersagt, werden die Geister all der Tiere erscheinen, die ich nicht gegessen habe. In diesem Falle wird es ein großes Begräbnis sein.
Frage:
Wann wurden Sie Vegetarier?
Antwort:
Das war im Jahre 1924, als Vorsatz zum Neuen Jahr. Nun habe ich also seit 78 Jahren weder Fleisch noch Fisch gegessen.
Frage:
Erzählen Sie uns über die Anfänge der Vegan Society
Antwort:
In den zwei Jahren bevor wir eine demokratische Gesellschaft gründeten habe ich mich alleine um alles gekümmert. Hätte ich nicht die Gesellschaft gegründet hätte es mit Sicherheit jemand anderes getan, auch wenn die Gesellschaft einen anderen Namen bekommen hätte. Dessen bin ich mir sicher, schon alleine wegen der tausenden von Briefen, die mich seinerzeit erreichten. Das Wort "vegan" wurde sofort als Teil unser Sprache akzeptiert und dürfte sich heute wohl bereits in fast jedem Wörterbuch wiederfinden. Ich komme nicht umhin unser heute vierteljährlich erscheindendes Magazin mit meinen damals unter größten Anstrengungen herausgegebenen schlichten "The Vegan News" zu vergleichen. Jedes Mal verbrachte ich eine ganze Nacht damit die einzelnen Blätter zusammen- zustellen und zu tackern. Die Anzahl der Abonnenten musste ich auf fünfhundert begrenzen, mit mehreren wäre ich wegen des enormen Arbeitsaufwandes nicht zurechtgekommen. Verglichen mit einer Demokratie hat Diktatur ganz offensichtlich auch Vorteile. Zu Beginn des Erscheinens von "The Vegan News" konnte ich alles selbst machen. Ich glaube nicht, dass ich überlebt hätte, wenn ich noch von anderen, die involviert waren, verschiedene Meinungen hätte einholen müssen. Ich verfügte weder über ein Telefon noch über ein Auto - von daher baute ich auf das Verständnis meiner Mitstreiter und erbat ihr Einverständnis bis zu dem Tage, da ich diese Aufgaben einem eigenen Komitee überreichte.
Frage:
Wie verhält sich ihr Vegansein zu möglicherweise vorhandenen religiösen Einstellungen?
Antwort:
Ich war niemals richtig gläubig. Andererseits war ich auch nie klug genug Atheist zu sein - aber Agnostiker, ja das bin ich wohl. Einige Theologen behaupten, dass Christus ein Essener war. Sollte er Essener gewesen sein, so war er mit Gewissheit vegan. Würde Christus heute noch leben, dann wäre er ein Umherziehender, der die vegane Lebensweise predigt anstatt, so wie er es damals tat, das Mitgefühl zu predigen. Ich bin mir wohl darüber im Klaren, dass es inzwischen mehr Veganer gibt als Anglikaner beim Sonntagmorgengebet. Ich denke, Anglikaner sollten sich über die Tatsache freuen, dass doch einige die essentielle Botschaft des Christentums und zwar "das Mitgefühl" praktizieren.
Frage:
Was finden Sie besonders schwierig am veganen Leben?
Antwort:
Nun es sind vor allem soziale Aspekte wie das Ausgeschlossensein von den Orten, an denen Menschen sich zusammenfinden um zu Essen. Ich sehe nur eine Möglichkeit dieser Problematik Herr zu werden: Veganismus muss populärer werden und Einzug in Gasthäuser, Hotels und andere Einrichtungen halten bis hoffentlich eines Tages vegane Gerichte eine Selbstverständlichkeit sein werden.
Frage:
Und nun andersherum gefragt: Was fällt Ihnen besonders leicht am veganen Leben?
Antwort:
Der große Vorteil ein reines Gewissen zu haben und der Glaube, dass Wissenschaftler akzeptieren müssen, dass das Gewissen nun auch ein Teil der wissenschaftlichen Denkungsart ist.
Frage:
Welchen Stellenwert hat bisher das Gärtnern in Ihrem Leben eingenommen?
Antwort:
Ich habe mal eine Zeit in Leicester gelebt und hier hat mir ein Freund einen Schrebergarten überlassen. Als die Ernte reif war musste ich sie vier Meilen weit mit dem Schubkarren an das andere Ende der Stadt fahren. Aber ich hatte Glück; später bekam ich einen Posten in Keswick samt Haus mit Garten, da ist mir ein Traum in Erfüllung gegangen. Meine Kompostbehälter sind voll mit Unkraut, geschnittenem Gras, Gartenabfällen, Laub - also kein tierischer Dünger. Nebenbei bemerkt bewerktstellige ich die ganze Gartenarbeit mit einer Gabel und nicht mit einem Spaten - dies schont die Regenwürmer.
Frage:
Wie stehen Sie zu genetisch veränderten Organismen?
Antwort:
Wie ein altes Sprichwort schon sagt: "Wenn etwas den Anschein erweckt zu gut zu sein um wahr zu sein, dann ist es wahrscheinlich auch zu gut um eben wahr zu sein". Das ist wohl ein klassisches Beispiel, mal ganz davon abgesehen was die Unumkehrbarkeit dieser genetischen Struktur unserer zukünftigen Nahrungsmittel angeht.
Frage:
Wie stehen Sie zur Jagd?
Antwort:
Ich denke, das ist tiefstes Niveau, selbst wenn wir glaubten hier und da regulierend eingreifen zu müssen, um wieder ein Gleichgewicht herzustellen, welches wir selbst zerstört haben. Das Töten aus reiner Freude ist einfach nur verabscheuungswürdig.
Frage:
Wie stehen Sie zu Tierversuchen?
Antwort:
Eben sagte ich noch, dass ich die Jagd für tiefstes Niveau erachte, aber ich denke Tierversuche sind noch eine Stufe tiefer angesiedelt. Jedesmal wenn wir behaupten, dass Grausamkeiten das Machwerk von Metzgern und Tierversuchsexperimentatoren ist sollten wir uns die Frage stellen, ob wir zu denen von ihnen ausgeführten Taten im Stande wären. Sind wir es nämlich nicht, so haben wir kein Anrecht darauf, dass sie in unserem Auftrage handeln. Fast alle schulmedizinischen Medikamente wurden im Tierversuch getestet. Einer der größten Widersprüchlichkeiten des vegetarischen und veganen Lebens ist die Einnahme von schulmedizinischen Medikamenten. Ich denke der Widerspruch ist noch größer als das Tragen von Leder und Wolle, da diese primär Neben- produkte der Fleischindustrie darstellen.
Frage:
Was halten Sie von direkten Aktionen?
Antwort:
Ich habe großen Respekt vor Leuten, die an direkten Aktionen beteiligt sind. Ich selbst war nie in solch einer Aktion involviert, glaube aber, dass man damit am ehesten etwas erreichen kann. Müsste ich mein Dasein in einem Käfig eines Tierversuchslabors fristen wäre ich der Person, die mich da rausholte, sehr dankbar. Trotzdem müssen wir uns immer wieder folgende Frage stellen: Könnte meine Aktion wohlmöglich kontraproduktiv sein? Ich weiß leider keine Antwort auf diese Frage und kann sie daher weder mit "ja" noch mit "nein" beantworten.
Frage:
Was glauben Sie war bisher die größte Leistung in ihrem Leben?
Antwort:
Erreicht zu haben was ich mir vornahm: dass ich fördernd in der Entwicklung einer Bewegung war, die nicht nur den Lauf der Menschheitsgeschichte und aller anderen Lebewesen sondern auch deren Überlebenschance auf diesem Planeten positiv beeinflusst.
Frage:
Haben Sie eine Botschaft für die vielen tausend vegan lebenden Menschen?
Antwort:
Man sollte versuchen sich zu vergegenwärtigen wofür Veganismus steht: es ist weit mehr als die Suche nach einer Alternative für Rührei mit Toast oder einem neuen Rezept für einen Weihnachtskuchen. Man sollte sich bewusst machen, dass es um eine große Sache geht, die gerade mal 60 Jahre jung ist und jeder Kritik Stand hält. Es besteht keine Notwendigkeit über Wochen und Monate Ernährungstabellen oder Bücher von sogenannten Experten zu lesen. Man muss sich lediglich ein paar wenige Fakten aneignen und sich nach ihnen richten.
Frage:
Haben Sie eine Botschaft für Vegetarier?
Antwort:
Sie sollten akzeptieren, dass Vegetarismus nur eine Zwischenstufe vom Fleischessen zum Veganismus darstellt. Es mag Menschen geben, die den Wechsel zum Veganer ohne Umwege vollzogen haben, aber ich bin mir sicher, dass der Vegetarismus für die Mehrheit einen notwendigen Zwischenschritt darstellt. Ich bin immer noch Mitglied der Vegetarischen Gesellschaft; es ist mir wichtig in Kontakt zu bleiben. Wie ich hörte gab es auf dem Weltvegetarier- kongress in Edinburgh ausschließlich vegane Speisen. Das hat mich sehr erfreut. Diese kleine Pflanze, die ich vor 60 Jahren gesät habe, macht sich nun allerorts bemerkbar.
Frage:
Sie waren damals Mitbegründer der Vegan Society. Was sagen Sie zu der Entwicklung, die sie genommen hat?
Antwort:
Es hat sich alles besser entwickelt, als ich es erwartet hatte. Der Stein ist nun ins Rollen gebracht und nichts kann ihn mehr aufhalten, die Uhr lässt sich nicht mehr in das Jahr 1944 zurückstellen. In diesem Jahr wurde das Samenkorn von einer Handvoll Menschen, die guter Hoffnung waren, gesät. Heutzutage kann man sich überall vegan ernähren. Die ganze Arbeit wurde damals von Freiwilligen geleistet. Im Grunde waren sie alle ehrenamtlich tätig, selbst diejenigen, die von der Vegan Society entlohnt wurden. Selbst das Gehalt unseres Vorstands erreicht nicht auch nur annähernd die Höhe, die er in der freien Marktwirtschaft erhalten würde. Mehr können wir uns aber nicht leisten. Die Vegan Society wurde immer von ehrenamtlichen Helfern unterstützt. Allen diesen Helfern sind wir überaus dankbar; es ist nicht auszudenken was passierte, würden sie einfach aufhören.
Frage:
Welche Richtung sollte die Vegan Society in der Zukunft einschlagen?
Antwort:
Hier möchte ich mich doch lieber etwas zurückhalten - was sollte ich auch einer Bewegung raten, die sich wunderbar entwickelt und dabei ist, sich weltweit auszudehnen. Das Bauwerk von damals, welches bisher alle Angriffe überlebte, ist am zerfallen; nicht nur durch unsere kontinuierliche und erfolgreiche Arbeit sondern auch durch die ihm innewohnenden Zerbrechlichkeit der eigenen Strukturen. Wir können die Auswirkungen einer veganen Gesellschaft für die Menschheit nur erahnen. Wir hätten es wahrscheinlich mit einer veränderten Zivilisation zu tun. Wahrscheinlich wäre diese Gesellschaftsform die erste, die die Bezeichnung Zivilisation mit Recht erhält.
Quelle: Vegan Society, UK
Originaltext: als PDF-File: 
Übersetzung: Michèle Protto
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